Schneller, höher, weiter:
Die falsche Vorstellung
vom Ultralauf

Ist es meine subjektive Wahrnehmung oder ist es eine Tatsache, dass mehr und mehr Läufer danach streben, immer mehr Höhenmeter und Kilometer in einem Rennen zu schaffen, und das noch dazu immer schneller?

Nicht selten passiert es, dass ich in einem Gespräch nach den Zielen meines Gegenübers frage und als Antwort bekomme: „Ja, einen Ultra möchte ich schon gerne einmal laufen.“ Nächste Frage:

„Wie lange läufst du denn schon?“

Oft sind das nur 2, 3 Jahre. Auf den Halbmarathon folgt ein Marathon, danach der ’normale‘ Trail und danach – was sonst – der Ultra-Trail über 60, 70 und mehr Kilometer. Und dann? Verletzungen: Probleme mit den Achillessehnen, Schienbeinen, bis hin zum Ermüdungsbruch. Der technische Anspruch eines Rennens scheint vielen nicht bewusst oder überhaupt egal zu sein. Das Wetter? Das wird schon der Veranstalter wissen, so das Credo vieler.

[highlight]Trailrunning ist ein toller Sport, doch die derzeitige Entwicklung ist eindeutig die Falsche, vor allem die Vorstellung davon, wie einfach ein Ultra Trail zu bewältigen ist.[/highlight]

Ich selbst schreibe in Berichten sehr oft, wie wichtig die mentale Komponente ist. Ohne mentale Stärke wird man Krisen nicht bewältigen können, aber ohne Training kommt man erst gar nicht so weit. Ich möchte mich hier selbst als Beispiel anführen und einen Überblick geben, seit wann ich trainiere und wie langsam der Trainingsaufbau stattfinden muss, um nicht nach ein oder zwei Jahren verletzt und ausgebrannt das Kapitel Trailrunning zu beenden.

Der lange Trainingsaufbau

Bei meinem ersten Versuch, eine Mountainbike Langdistanz über 120 Kilometer zu finishen, musste ich nach 100 Kilometern aufgeben. Ein letzter Berg mit 400 Höhenmetern stand dem erfolgreichen Finish im Wege. Ich konnte aber nicht mehr geradeaus fahren, war unterzuckert und dehydriert. Der Besenwagen nahm mich mit zurück in den Startort, ich saß enttäuscht im Auto, die Tränen liefen mir übers Gesicht. Der Fahrer aus Südtirol fragte mich nach meinem Alter, ich war damals 22. Er musste herzlich lachen und ich werde seine, zugegeben weisen, Worte nie vergessen: „Es ist viel schwerer, aufzugeben als weiterzumachen.

Du bist noch so jung, du wirst noch tolle Rennen finishen, aber lass dir Zeit. Ausdauersport braucht Zeit.“

Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich wäre bereit für lange Distanzen. Immerhin betrieb ich schon eine gefühlte Ewigkeit Sport: Mit 15 Jahren hatte ich mit dem Ausdauersport begonnen, mit 16 lief ich meinen ersten Halbmarathon, danach fuhr ich einige Jahre Radrennen. Mein damaliger Trainer Herwig sagte immer: „Ich kann dich so trainieren, dass du langfristig bei den Events dabei bist oder du gewinnst jetzt gleich ein Rennen, dann bist du in zwei Jahren verheizt und weg vom Fenster.“ Ich konnte nur schwer akzeptieren, dass im Ausdauersport Geduld gefragt ist, sehr viel Geduld. So trainierte ich zielgerichtet weiter, langsam, aber beständig.
Spektakuläre Geschichten von Alkohol- oder Drogen-Exzessen kann ich nicht erzählen; ganz im Gegenteil: Ich hatte nie Spaß daran, am Abend lange wegzugehen und den nächsten Tag zu verschlafen. Ich wollte Bewegung und Natur, nichts Anderes, schon immer.

Neben meinem sehr guten Trainer, haben mich Familie und Freunde den Respekt vor Bergen gelehrt.

„Auf einen Berg gehst du nur mit Rucksack, 1. Hilfe Set, Wechselbekleidung, Jause, das hat man dabei. Wenn das Wetter schlecht wird, dann drehst du um.“

Noch heute passiert es hin und wieder, dass ich 100 Höhenmeter vor dem Gipfel umdrehe. Das ist eben so, Sicherheit geht vor. Das heißt nicht, dass meine Familie nicht manchmal besorgt ist, aber sie wissen zumindest, dass ich nichts sinnlos riskiere. Ich verdiene mein Geld nicht mit dem Sport; auch wenn es eine Leidenschaft ist, ist es ’nur‘ ein Hobby, bei dem nicht Kopf und Kragen riskiert werden müssen. Das Gleiche gilt für Krankheiten. Niemals würde ich – nicht einmal mit einer einzigen Tablette Aspirin C – an den Start eines Rennens gehen. Auch wenn es nach langer Vorbereitungszeit manchmal schwer zu akzeptieren ist:

[highlight]Man ist nicht 80 oder 90 % fit, sondern zu 100 %. [/highlight]

Zurück zum Thema Training und Wettkämpfe: Mit 25 Jahren finishte ich meine erste Triathlon Langdistanz (d.h. nach ca. 10 Jahren Training). Erst danach fing ich aus Zufall mit dem Trailrunning an und nach vielen Trainingsjahren bemerkte ich, dass sich die zahlreichen Trainingsstunden bezahlt gemacht hatten. Die vielen Stimmen hatten also Recht, Ausdauersport braucht Zeit. Ich habe nie 20 oder 25 Stunden in der Woche trainiert, ich habe auch nicht die Zeit, 150 Wochenkilometer zu laufen. Aber ich habe immer trainiert, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter; nicht aus Disziplin, sondern weil ich den Sport ganz einfach liebe.
Einen Pulsmesser verwende ich nicht, ich spüre ganz genau, wie intensiv ich unterwegs bin, ich weiß bei einem Ultra, welches Tempo ich laufen kann und muss, um sicher ins Ziel zu kommen.
So kann ich jetzt, mit meinen 31 Jahren, mit gutem Gewissen an Ultra-Trails teilnehmen.

5 Fragen, die ich jedem raten würde, sich vor einem Bewerb zu stellen:

  • Ist dein Körper darauf vorbereitet? Bist du ganz sicher gesund?
  • Trainierst du lange genug und bist du dir ganz sicher, das schaffen zu können?
  • Bist du mental darauf eingestellt?
  • Wirst du den technischen Anspruch bewältigen?
  • Ist es das, was du ganz sicher willst oder machst du es nur, um jemandem etwas zu beweisen?

 

Erst wenn man diese Fragen mit gutem Gewissen beantworten kann, sollte man sich, meiner Meinung nach, an die Startlinie eines Ultralaufs begeben.

Jedem einzelnen Leser, der diese Zeilen hier liest, möchte ich ganz einfach Folgendes sagen:
Es ist toll, erzählen zu können, dass man 100 Kilometer gelaufen ist. Ich hoffe aber, dass du Freunde hast, die dir den Boden der Tatsachen aufzeigen. Der Körper ist keine Maschine und wir sollten in dem ganzen Meer an neuen Bewerben und Distanzen nicht vergessen, dass Trailrunning Abenteuer und Erlebnis ist.

[highlight]Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, schon gar kein Ultraläufer. [/highlight]
Ein Freund, vor dem ich den größten Respekt habe, sagt mir immer wieder mit voller Überzeugung: „Das Laufen ist meine Leidenschaft. Wie lange ich brauche, ist mir völlig egal, ich will gut und gesund ins Ziel kommen und noch viele Jahre laufen können!“

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Text und Bilder: Sigrid Huber

4 KOMMENTARE

  1. Hut ab! Für gewöhnlich höre ich genau das, was du relativ am Anfang schreibst: im ersten Jahr 10k, dann Halbmarathon, Marathon und nach drei Jahren spätestens läuft man Ultra. Ich bewundere alle, die das können. Ich kann’s vermutlich noch nicht, versuche es auch nicht und beiße mir statt dessen seit zwei Jahren in den Hintern, nicht eher mit dem Laufen angefangen zu haben. Klar, einen Ultra in den Bergen, DAS wäre was. Nur würde ich vermutlich nicht ins Ziel kommen oder aber danach nicht mehr laufen können. Also zockle ich weiter so meine kleinen Runden vor mich hin. Mein Plan ist ja, mit zunehmendem Alter, so 50, anzugreifen, wenn alle anderen schon ausgebrannt sind. 😉

  2. Die letzte der fünf Fragen ist meiner Meinung nach in der heutigen Zeit ein sehr großes Problem. „Früher“ haben dir deine Freunde zugesehen und im Ziel auf die Schulter geklopft. Heute liest man etwas auf Facebook, stirbt vor Neid und will es ihnen gleich tun. Hat man dann so etwas auch geschafft, dann postet man es gleich, damit es ja alle sehen und hofft zugleich auf viele likes und somit auf Selbstbestätigung. Niemand würde dort schreiben: „ich bin 80% eines Ultras gelaufen“, „ich bin fast auf dem Gipfel von xy gestanden“, „ich bin fast 10h durchgelaufen“. So was will man nicht lesen, auch wenn es ebenfalls eine beachtliche Leistung gewesen ist. Leider….