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Traillauf-Camp Rabac

von Sigrid Eder

Liebe LauffreundInnen,

seit gut zwei Jahren arbeite ich mit dem Ultraläufer und sportwissenschaftlichen Berater Gerhard Schiemer aus Bad Vöslau (http://gerhardschiemer.at) als meinem Trainer zusammen und in dieser Zeit habe ich einige Ziele erreicht, die ich vor ein paar Jahren noch für absolut unmöglich gehalten hätte. Zum Beispel den Sieg in meiner Altersklasse beim Wachau-Halbmarathon 2017 und 2018, beim Traunstein-Speedtrail 2018 und viele weitere AK-Top-3 Plätze bei Laufbewerben aller Art. Und als Gerhard sein Traillauf-Camp in Rabac in Kroatien ausgeschrieben hat war klar: Da möchte ich mitmachen, da kann ich noch eine Menge lernen!

Ich will gleich vorwegnehmen – das Camp hat meine Erwartungen klar übertroffen! Sowohl was die Schönheit und Vielfalt der Laufstrecken und der Landschaft betrifft als auch was die LäuferInnentruppe betrifft, mit der ich zusammen war. Ich habe auf Facebook die einzelnen Tage mit zahlreichen Fotos sehr ausführlich dokumentiert – zu finden unter https://www.facebook.com/johann.stockinger.3 – und werde hier ein paar besondere Eindrücke und Erlebnisse in Kurzform präsentieren:

1.Tag, Sonntag:
Gerhard hat am Samstag gerade erst die „100 Meilen von Istrien“, ein extrem anstrengendes Ultra-Rennen, auf dem 4. Gesamtplatz beendet und seine Altersklasse gewonnen und ist noch ein wenig erschöpft, darum übernimmt seine „Assistentin“ Ina unsere Gruppe. Bevor wir loslaufen erklärt Gerhard die Strecke: Lockere 2 Stunden am Meer entlang, ein bissl rauf und runter, etwa 200Hm und 12Km auf teilweise sehr schönen Single-Trails. Nunja, der letzte Punkt hat 100%ig gestimmt, es war traumhaft schön! Nach einer knappen Stunde sind wir auf einem 300m hohen Hügel gestanden, in der Ferne das Meer … aber der Blick war fantastisch! Und am Rückweg sind wir tatsächlich am stürmischen Meer entlang gelaufen, unglaublich toll, wie aus einem Werbeprospekt! Und daß es 18Km geworden sind … wen stört das schon 😉

2. Tag Montag:
Nach einem einstündigen Morgenlauf auf einen Hügel und Bergab-Intervalltraining auf einer Mountainbike-Strecke am Vormittag machen wir am Nachmittag einen Laufausflug hinauf nach Labin durch eine traumhafte mediterrane Frühlingslandschaft. Oben gibt es einen herrlichen Rundblick und eine entzückende mittelalterliche Altstadt. Auf dem steinigen Weg hinunter laufe ich mit Wolfgang und Heinz in flottem Tempo voraus – ein toller Spaß! Zur Belohnung füllen wir in einem Cafe am Strand in der Abendsonne Flüssigkeiten und Kalorien auf – idyllisch 🙂 Auf den letzten 1,5Km bis zum Hotel sind die Beine dann irgendwie schwer …

3. Tag, Dienstag:
Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir immer weiter bergauf durch die blühende und dennoch karge Landschaft, unten das tiefblaue Meer, über kleine Pfade entlang von Steinmauern, vorbei an verfallenen Häusern und grünen Tümpeln, an Stachelhecken und über magere Wiesen. Der Blick auf’s Meer weicht dem Blick auf das beeindruckende Ucka-Gebirge – Szenarien wie aus einem Traillauf-Werbeprospekt, aber hier sie sind echt!
Dann hat Gerhard ein besonderes „Zuckerl“ für die „übereifrigen“ unter uns: Wer will kann über eine Schotterstraße fast bis zum Kraftwerk Plomin hinunterlaufen und über einen Klettersteig gut 250m wieder hinaufklettern. Daß ich da dabei bin ist klar … und es lohnt sich! Was für ein abenteuerlicher Steig, was für eine tolle Aussicht – hinunter auf den Hafen Plomin, das Kraftwerk, das tiefblaue Meer, gegenüber klebt das Bergdorf Plomin wie ein Vogelnest am Berghang und wir arbeiten uns über die scharfkantigen Karstfelsen höher und höher … ein unbezahlbares Erlebnis! Überall blüht und grünt es – aber nicht so sanft und weich wie bei uns. Fast alles ist stachelig, hart und widerborstig – auch das merken wir beim weiteren Aufstieg auf den Munac wo der Rest der Gruppe wartet. Wir kommen zerschunden, zerkratzt und blutig an – aber das ist völlig egal. Diese Kletterei war das absolut wert!

4. Tag, Mittwoch:
Am Vormittag fahren wir mit der Fähre nach Porozina auf die Insel Cres, wir wollen quer über die Insel zur Geier-Aufzuchtstation in Beli laufen. Auf Cres geht es erst kurz über Asphalt aber bald tauchen wir in eine unglaubliche Zauberwelt ein – die Natur ist hier ganz anders als am Festland. Rauher, ungezügelter, noch steiniger und holpriger. Unser Weg führt durch niedrigere Wälder, knorrig, dürr, teilweise wie abgestorben wirkend. In den verdrehten Baumstümpfen könnte man unzählige Sagenfiguren, Gnome, Kobolde entdecken, immer wieder liegen Baumstämme quer und wir laufen wie eine Gruppe leuchtend bunter Fremdwesen durch diese Welt. Uralte bemooste, düstere Steinmauern durchziehen diese Wälder, teilweise eingestürzt, teilweise mit krummen Ästen und Zweigen notdürftig repariert. Irgendwann kommen wir zu einem wahrhaft mystischen Platz: Auf einer Wiese steht ein uralter vertrockneter Baumstrunk der von einem Efeu umrankt wird und der über ihm eine Krone bildet als wollte er den ursprünglichen Baum nachbilden – ich hab sowas noch nie gesehen … einmalig!
Weiter geht es, durch das verfallene Dorf Niska, durch Hohlwege begrenzt von Steinmauern, über Weiden mit Schafherden, weiter über umgestürzte Bäume und einen Steinweg eine Schlucht entlang bergab. Mir macht es riesen Spaß hier zu laufen auch wenn die Wege schwierig und steinig sind – deswegen bin ich ja da 🙂 Und dann taucht Beli aus dem Wald auf – ein Dorf aus zusammengekuschelten Häusern auf einem Hügel am Meer, wie eine Oase menschlichen Lebens nach den ausgestorbenen Dörfern und Gehöften im Landesinneren …

5. Tag, Donnerstag:
Wie sich die Perspektiven im Laufe der Wocher verändert haben … ah, ein 3-Stunden-Lauf steht auf dem Programm, nichts besonderes, na dann schauen wir mal wo es hingeht. Erst auf bekannten Wegen durch Rabac das Meer entlang, dann steil und steinig in der Vormittagssonne etwa 300Hm nach Gondolici hinauf – inzwischen fast schon lockere Routine. Ein kurzer Stop bei einem Tümpel, eine kurze Foto- und Trinkpause, aber unsere Truppe – diesmal verstärkt um Gerhard’s Söhne – packt das ohne Probleme … Wer rauf läuft darf auch wieder runterlaufen und so bildet sich auf den winkeligen Single-Trails bergab aus Wolfgang, Heinz, Gerhard’s Söhnen und mir eine flotte Gruppe die recht zügig bergab zischt – ha, der reine Genuß!
Als wir auf eine kleine Asphalt-Straße kommen warten wir auf den Rest der Gruppe. Ich schwärme Gerhard von dem kurvigen Trail vor, da setzt sich der flotte Teil schon wieder in Bewegung. Ich schau mir diese kleine Straße an, geradeaus, recht steil bergab mit griffigem Asphalt … die ruft mir richtig zu „Komm schon, worauf wartest denn noch, hol dir die Buben!“. „Tschuldige Gerhard, ich geh mal schnell spielen!“ rufe ich über die Schulter und zische der Gruppe, die schon 30m vorne ist, nach. So, wenn’st bergab schnell sein willst musst du aktiv bleiben, nach vorne arbeiten, Bodenkontakt kurz halten, keine Angst haben! Jawohl, das geht … konzentriert bleiben, sauber laufen … rasch hole ich auf die Vier auf und … ab durch die Lücke und vorbei … lange zieht sich die Gerade vor mir weiter bergab, jetzt nicht nachlassen. Wie der Gerhard am Vormittag erklärt hat schiebe ich den Körperschwerpunkt, den „Gashebel“ langsam weiter Richtung Ballen, das Tempo steigt nochmal ein wenig an, jaaaaaahahahahah wie geil! Es folgt eine leichte Biegung, Häuser tauchen auf, der Asphalt wird wieder zu einem Schotterweg, ich nehm ganz leicht Tempo raus und bremse mich dann ein weil der Weg eine Serpentine macht. Yesssssssssss, so geht das! Mein GPS sagt mir später: Knapp 700m mit Schnitt 3:10, Spitzentempo 2:45 … mein Grinser reicht glaub ich von einem Ohr bis zum anderen …

Am Rückweg stoppen wir bei einer märchenhaften kleinen Bucht für eine Schwimmpause. Ist das fantastisch! Das Wasser ist zwar saukalt, aber nach knapp 2 Stunden teils intensiven Laufens mit viel Sonne ist ein wenig Schwimmen eine Wohltat. Im lockeren Trab laufen wir weiter den Küstenpfad entlang, zwar steinig aber voller herrlicher Ein- und Ausblicke, und kehren in Rabac in „unserem“ Strandcafe ein.

6. Tag, Freitag, letzter Tag:
Aufstehen um 5:15 ist nicht meine Stärke, aber die Aussicht auf einen Sonnenaufgangslauf tröstet über die „unchristliche“ Zeit hinweg. Und die kühle Morgenluft und der Blick auf die blaßrosa-orange Morgendämmerung über Cres vertreibt endgültig jede Müdigkeit. Traumhaft! Pünktlich um 5:45 startet unsere Partie los, hinein in die stille Dämmerung, auf inzwischen bekannten Pfaden Richtung Norden die Küste entlang. Dann arbeiten wir uns den mit Büschen bewachsenen Hang hinauf, immer mit Blick auf das Meer und die langgestreckte schwarze Insel über der das Orange immer intensiver wird … In dieser Dämmerung wirkt die Landschaft ganz anders als 3 Tage zuvor – still, geheimnisvoll, unberührt – schon wieder so ein märchenhaft-mystischer Lauf! Nach etwa 45 Minuten ist es soweit – ein oranger Glutball steigt über den Horizont. Wir bleiben stehen, genießen, fotografieren … was für ein Morgen! Gut 10 Minuten schauen wir zu wie die Sonne immer höher steigt und die Landschaft um uns zum Leuchten bringt … Dann geht es weiter bergauf, bis Ripenda Kosi wo wir einen zweiten Fototermin vor traumhafter Kulisse einlegen. Was für eine Pracht, was für ein würdiger Abschlufllauf! Ein letztes Mal geht es über Schotterwege und Single-Trails hinunter zum Meer – manchmal scheint es als würden wir direkt hineinlaufen. Und dann – viel zu schnell – ist es vorbei, die Magie hat ein Ende. Nochmal ein gemeinsames Frühstück und dann der Abschied der allen sichtbar schwer fällt – was war das für eine unglaubliche Woche!

Vielen Dank, Freunde, für diese tollen Stunden und natürlich dir, Gerhard, daß du das organisiert hast und es geschafft hast, unsere unterschiedlichen Charaktere und Fähigkeiten so blendend zu koordinieren!

Und ganz besonderen Dank an meine Familie daß sie mir diesen Urlaub zum 59er geschenkt hat. Mein 60. Lebensjahr mit so einer Woche zu beginnen ist fantastisch – einen besseren „Jungbrunnen“ kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt nur ein Problem: Ich will das zum 60er nochmal …

Viele Grüße

Hans

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