Home Trail-NewsÖsterreichGleichberechtigung bei Preisgeldern – Fairness quo vadis?

Gleichberechtigung bei Preisgeldern – Fairness quo vadis?

von Sigrid Eder

Preisgeld im Trail und Skimo: Wo steht Gleichberechtigung wirklich?

Eine Analyse im Vorfeld der Mountain Attack Saalbach (welche in den letzten Tagen für zahlreiche Diskussionen gesorgt hat)

Beim Blick auf Preisgelder im Berg- und Ausdauersport steht ein Begriff oft im Raum: Gleichberechtigung. Doch was bedeutet das konkret und wie zeigen sich unterschiedliche Ansätze bei großen Rennen? Die Mountain Attack Saalbach bietet einen Anlass zur Einordnung.

Mountain Attack Saalbach: gleiche Summen, ungleiche Regeln

Die Mountain Attack führt für die Eliteklassen Marathon und Tour Preisgelder in festen Beträgen aus, die formal für Männer und Frauen gleich sind. Die offizielle Preisgeldtabelle nennt identische Summen für beide Geschlechter.

Kritisch zu hinterfragen ist allerdings eine Regel, die in den Fußnoten der Preistabelle angeführt wird: Wird in einer Kategorie eine bestimmte Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht, wird das Preisgeld reduziert. Konkret bedeutet das, dass bei weniger als 100 Starterinnen oder Startern in einer Kategorie nur 50 Prozent des vorgesehenen Preisgeldes ausgeschüttet werden.

Diese Regel gilt formal für alle Kategorien, trifft in der Praxis aber häufiger Frauenfelder, da diese im Skimo- und Trailbereich oft kleiner sind als die Männerfelder. Das Resultat ist ein System, das zwar gleiche Beträge verspricht, aber strukturell dazu führt, dass Frauen real seltener das volle Preisgeld erhalten.

Was passiert mit dem übriggebliebenen Geld?
Zusätzlich bleibt offen, was mit dem nicht ausgeschütteten Geld passiert. Es gibt keine öffentlich zugängliche Information darüber, ob diese Beträge beim Veranstalter verbleiben, an Sponsoren zurückfließen oder in andere Projekte investiert werden. Für ein professionelles Sportevent ist diese fehlende Transparenz problematisch.

Internationale Vorbilder: UTMB World Series

Ein anderes Modell verfolgt die UTMB World Series. Hier wird offiziell kommuniziert, dass Männer und Frauen bei Majors und Finals identische Preisgelder erhalten. Beim UTMB-Finale über 171 Kilometer erhalten sowohl die Siegerin als auch der Sieger 20.000 Euro. Auch die weiteren Platzierungen sind gleich dotiert.

Dieses Modell ist klar, nachvollziehbar und öffentlich einsehbar. Es zeigt, dass Gleichberechtigung im Preisgeld nicht von Teilnehmerzahlen abhängig gemacht wird, sondern als Grundprinzip verstanden wird.

Eine Frau trainiert nicht weniger intensiv als ein Mann, wenn sie im Elitefeld mithalten will. Das muss endlich respektiert und überall belohnt werden.

Unterschiedliche Ansätze weltweit – ein Blick über den europäischen Tellerrand

Ein Blick auf andere große Laufserien zeigt ein sehr heterogenes Bild. Bei den World Marathon Majors erhalten Männer und Frauen grundsätzlich gleiche Preisgelder, die Dotierungen sind hoch und die Strukturen professionell. Die Systeme sind jedoch komplex und stark von Vermarktung und Sponsoren abhängig.

Es gibt aber auch prestigeträchtige Ultra-Events, die überhaupt kein Preisgeld ausschütten, etwa der Trans Japan Alps Race. Dort geht es bewusst um sportliche Leistung ohne finanzielle Prämien. Das ist ein legitimer Ansatz, setzt aber ein ganz anderes sportliches und wirtschaftliches Modell voraus.

Bei einzelnen internationalen Bergläufen mit hohen Dotierungen, etwa dem Obudu Ranch International Mountain Race in Nigeria, erhalten Männer und Frauen ebenfalls identische Siegerprämien von jeweils 50.000 US-Dollar.

Blick in andere Sportarten: Ein bekanntes Muster

Die Diskussion um Preisgeld und Gleichberechtigung ist nicht nur im Trailrunning Bereich präsent. In vielen etablierten Disziplinen verlief die Entwicklung ähnlich.

Im Skispringen der Frauen gab es über Jahre hinweg keine oder nur minimale Preisgelder, deutlich geringere Wettkampfanzahlen und weniger mediale Präsenz. Erst ab 2022 wurden im Weltcup offiziell gleiche Preisgelder für Männer und Frauen eingeführt. Zuvor war Skispringen der Frauen zwar olympisch, aber finanziell klar zweitklassig organisiert.

„Bei den Männern gibt es für einen Sieg in der Quali 3000 Franken. Mir wurde diese Tasche mit Duschgel und Handtüchern gegeben. So sieht man die Unterschiede.“
(Selina Freitag, Skispringerin) Quelle 2024: vol.at

Auch im Radsport zeigt sich das Muster deutlich. Die Tour de France der Männer existiert seit 1903, die Tour de France Femmes wurde erst 2022 in moderner Form wieder eingeführt. Während die Siegerin 2022 rund 50.000 Euro erhielt, bekam der Toursieger der Männer im selben Jahr rund 500.000 Euro. Zwar hat sich die mediale Sichtbarkeit der Frauen-Rundfahrt stark verbessert, die wirtschaftliche Gleichstellung ist jedoch weiterhin nicht erreicht.

„Es ist klar, dass wir denselben Status wie die Männer sofort wollen, aber ich glaube, wir werden noch ein paar Jahre warten müssen.“
Pauline Ferrand-Prévot (Siegerin der Tour de France Femmes 2025) Quelle: lemonde.fr

„Wir erhalten nur rund 11 % von dem, was die Männer bekommen. Das ist ein enormer Unterschied. Keine von uns fährt wegen des Geldes, aber wenn man von Gleichberechtigung spricht, dann sollte sich das auch bei den Preisen zeigen.“
Demi Vollering (Niederländische Spitzenfahrerin) Quelle: lemonde.fr

Ähnliche Entwicklungen finden sich im Tennis, im Marathonlauf oder im Fußball. In allen Fällen war nicht fehlende Leistung der Athletinnen das Problem, sondern strukturelle Entscheidungen: geringere Startfelder, geringere TV-Zeiten, geringere Sponsorenerwartungen. Diese Faktoren wurden lange als Argument gegen gleiche Preisgelder verwendet, obwohl sie in Wahrheit die Folge derselben Ungleichbehandlung waren.

„Es ist eine Beleidigung. Wenn ich männlich wäre, wäre ich ein Multi-Millionär. Wir verdienen nur einen Bruchteil dessen, was Männer für die gleichen Leistungen bekommen.“
Katie Taylor (Boxen)

„Wir machen die gleiche Arbeit, aber er verdient hunderttausendmal mehr als ich. Nach dem Training erzähle ich meinem Freund oft, wie unfair das ist.“
Alisha Lehmann (Schweizer Nationalspielerin) Quelle: sportsbible.com


Das Muster ist immer gleich: Erst Sichtbarkeit und klare Regeln schaffen Wachstum, nicht umgekehrt. Wer Preisgeld an bestehende Größenunterschiede koppelt, zementiert diese Unterschiede.

Fairness braucht klare Regeln und Transparenz

Die Diskussion um Preisgeld ist keine Nebensache. Sie entscheidet darüber, ob sich Athletinnen und Athleten langfristig professionalisieren können und ob der Sport glaubwürdig mit dem Thema Gleichberechtigung umgeht.

Gleiche Beträge auf dem Papier reichen nicht aus, wenn die Ausschüttungsregeln dazu führen, dass bestimmte Gruppen systematisch seltener davon profitieren. Ebenso wichtig ist Transparenz darüber, wie Preisgelder berechnet werden und was mit nicht ausgeschütteten Beträgen passiert.

Fazit

Preisgeld ist ein Signal. Es zeigt, welchen Stellenwert Leistung hat und welche Werte ein Veranstalter vertritt. In einer Sportart, die zunehmend professioneller wird, sollten faire und transparente Preisstrukturen selbstverständlich sein.

Die Mountain Attack Saalbach macht mit gleichen Nennbeträgen einen Schritt in die richtige Richtung. Die 100er-Regel mit automatischer Halbierung schwächt dieses Signal jedoch deutlich. Wer Gleichberechtigung ernst meint, sollte nicht nur gleiche Zahlen nennen, sondern auch die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie reale Fairness ermöglichen.

Quellen

Mountain Attack Saalbach, offizielle Preisgeldinformationen
https://www.mountain-attack.at/en/infos/prize-money

UTMB World Series, HOKA Prize Purse
https://utmb.world/hoka-prize-purse

World Marathon Majors
https://en.wikipedia.org/wiki/World_Marathon_Majors

Trans Japan Alps Race
https://en.wikipedia.org/wiki/Trans_Japan_Alps_Race

Obudu Ranch International Mountain Race
https://en.wikipedia.org/wiki/Obudu_Ranch_International_Mountain_Race

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