Post-Race Depression oder die Chance, Nichts zu tun

Das große Ziel ist erreicht. Nach Wochen und Monaten akribischer Vorbereitung überquert man die Ziellinie. Es ist geschafft!
Der anfänglichen Euphorie folgt bei vielen schon bald die sogenannte [highlight]äsPost-Race-Depressiona – .[/highlight] Gemeint ist damit, dass plötzlich das Ziel, das so lange verfolgt wurde und Halt gab, vorbei ist und man nicht mehr weiß, woran man sich orientieren soll.

Viele verfallen in schlechte Laune, suchen sich so schnell wie möglich das nächste Ziel, den nächsten Lauf,…

und schon geht das Training weiter – äohne eigentlich realisiert zu haben, was geleistet wurde, ohne zu spüren, was im Körper passiert, ohne die vielen Eindrücke und Emotionen verarbeitet zu haben.

Beispiel Transalpine Run

Vor etwa einer Woche habe ich den Transalpine Run erfolgreich gefinisht.
über Monate habe ich mich gewissenhaft darauf vorbereitet, war er doch neben anderen großen Zielen wie z.B. dem Ironman, einer meiner großen sportlichen Träume, die ich mir immer erfüllen wollte. Ich habe nie daran gezweifelt, dieses Rennen meistern zu können, ich war mir immer sicher, sehr gut vorbereitet zu sein. Es war für mich persönlich auch nicht mein härtestes Rennen, es war anstrengend, die Müdigkeit nahm natürlich von Tag zu Tag zu. Doch ich war fast schon entspannt und erleichtert, dass es endlich soweit war. Vielleicht war es auch nicht so schwierig, weil ich mich so konzentriert vorbereitet habe, weil ich seit dem Frühjahr jeden einzelnen Tag an dieses Rennen gedacht habe.
Vor einigen Jahren noch war es für mich unvorstellbar, diese Distanz zu bewältigen.

Aber wer an sich glaubt und gewissenhaft arbeitet, kann – so behaupte ich – äfast alles schaffen.

Wie fühlt es sich nun an, dieses große Ziel geschafft zu haben?

Ich habe im Ziel keine großen Mengen Tränen vergossen, viel mehr bin ich seit dem Zieleinlauf erfüllt mit großer Zufriedenheit. Es war wunderschön und ich habe mir selbst wieder einmal bewiesen, was alles möglich ist.

Das Umfeld
Der Moment, als mich meine Familie nach meiner Rückkehr aus Brixen vom Bahnhof abgeholt hat, war aber noch schöner. Denn sie sind es, die mir 8 Tage freigegeben haben, die mir währenddes Jahres den Rücken stärken, die an mich glauben, wenn ich selbst an mir zweifle. Es sind nicht die Kilometer und Berge, die einen Lauf zu etwas sehr Besonderem machen, sondern es sind die Menschen, die Begegnungen, die Emotionen, an die man sich erinnert.

So ist es auch nicht ein Lauf, der mein Leben lebenswert macht, sondern die Menschen, die ich liebe.

Partner, Kinder, Eltern, Freunde – das schönste nach einem erreichten Ziel ist für mich das Heimkommen, Ankommen, ganz im Jetzt sein.

Ich muss also nicht weinen, schon gar nicht falle ich in ein Loch und stelle mir die Frage: – Was jetzt?a – . Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit genieße ich die innere Ruhe, ich kann loslassen. Ich genieße es, Zeit für meine Familie zu haben, habe gar nicht den Drang, großartige Gipfeltouren zu unternehmen, weite Strecken zu laufen oder an ein nächstes Rennen zu denken. Nein, ich gehe in den Wald, lasse mich treiben von der Natur und denke nach: über mich, mein Umfeld, über alles, was ich im heurigen Jahr bereits erreicht habe.

Sich treiben lassen

Wer an großen Zielen arbeitet, steht permanent unter Strom. Ohne Fleiß kein Preis, ohne dauerhafte Disziplin wird man nicht mit dem finalen Zieleinlauf belohnt. Wenn das Ziel erreicht ist, darf man sich ohne schlechtem Gewissen eine Weile treiben lassen.
Nach dem Transalpine Run habe ich viele gesehen, die bereits nach 2, 3 Tagen wieder voll im Training waren. Kurz habe ich mich auch gefragt:

– Bist du jetzt faul? Solltest du auch schon wieder laufen?a –

Aber nein. 7 Berg-Marathons an 7 Tagen, die Belastung für den Körper ist nicht zu unterschätzen. Das muss gar nicht der Transalpine Run sein, das gilt für jeden Bewerb, für den man persönlich sehr viel Zeit und Energie investiert hat. Es ist Zeit, sich selbst nach der langen Vorbereitungsperiode Zeit zu geben, die Reize zu verarbeiten, sich zu erholen.

Chance für Neues

So eine Auszeit kann auch eine Chance sein für Neues. Eine Zeit, in der man reflektiert. Sind meine Ziele, die ich mir für die Zukunft gesetzt habe, noch immer die Richtigen? Will ich vielleicht in eine andere Richtung gehen? Welche Ideen kann und möchte ich noch umsetzen?

[highlight]Ich möchte gerne jedem Einzelnen folgenden Tipp geben:[/highlight]
Lehn dich zurück, genieße die Auszeit, lass dich nicht von anderen verleiten, zu schnell ins Training einzusteigen. Här auf deinen Körper und dein Gefühl – nur du selbst weißt, wann du wieder bereit bist für neue Ziele.