330 Kilometer Tor des Gäants –
Interview mit Cornelia Hauser

[highlight]330 Kilometer, 24.000 Höhenmeter[/highlight]

Die ultimative Herausforderung im Ausdauersport oder totaler Wahnsinn?

corneliaDer Tor des Gäants findet jährlich im Aostatal statt. Die Distanz ist für die meisten unvorstellbar. Nicht so für Cornelia Hauser, die dazu erst wenige Wochen vor dem Start davon erfuhr, dass sie starten konnte!

Cornelia ist erfahrene Ultra-Läuferin aus der Schweiz, hat bereits viele Rennen erfolgreich absolviert, darunter auch den UTMB 2015.

Wir haben mit Cornelia gesprochen und sie gefragt, wie man diese Distanz bewältigen kann…

Du hast schon viele Ultras absolviert, wann ist die Idee entstanden beim TdG zu starten?

Die Idee am TDG zu starten kam zirka vor einem Jahr. Mein Mann und ich verbrachten im Sommer 2015 im Aostatal einen Teil unserer Ferien und ich war sehr beeindruckt von dieser unglaublich schönen Bergwelt. Das Jahr 2015 war für mich ein tolles Ultratrail Jahr. Ich konnte verletzungsfrei zahlreiche Ultras finishen unter anderen den UTMB. So wuchs langsam die Idee sich an noch längere Distanzen heranzuwagen. So fügte sich eins zum anderen und ich meldete mich im Februar 2016 am TDG an.

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Wann hast du davon erfahren, dass du teilnehmen kannst?

Bei der 1. Auslosung anfangs Jahr hatte ich kein Glück. Das klingt jetzt völlig verrückt: am 16.8.2016, also dreieinhalb Wochen vor dem Start des TDG wurde ich informiert, dass ich auf der Warteliste nachgerückt bin und am TDG starten kann. Ich hatte 2 Tage Zeit mich zu entscheiden. Anfangs wusste ich nicht ob ich mich darüber freuen oder ärgern soll. Damit hatte ich überhaupt nicht mehr gerechnet.

Zuvor verbrachte ich diesen Sommer mehrere Wochen in den Bergen, um mich unter anderem auf den AlpenX 100 ( von Seefeld nach Brixen) vorzubereiten, welches ich jedoch nach 120 Km abbrechen musste. Danach war ich ziemlich enttäuscht und frustriert, hatte so viel und intensiv in den Bergen trainiert und dann dieser Abbruch – .ich wollte unbedingt eine Revanche! Da kam mir der TDG sehr gelegen, mit den etlichen Trainingskilometern und Höhenmetern in den Beinen fühlte ich mich Körperlich und mental für diese grosse Herausforderung bereit.

Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Am Start
Am Start

Die Vorbereitung dieser Saison lief bei mir nicht wunschgemäss. Zu Jahresbeginn schlug ich mich mit einer langwierigen Fußverletzung herum. Immer wieder musste ich mit dem Laufen pausieren und alternativ trainieren. So kam es, dass ich an einigen geplanten Wettkämpfen nicht starten konnte. Erst im Mai dieses Jahres lief ich meinen 1. Bergmarathon der Saison, im Juni den Scenic Trail mit 54 Km, im Juli den Trail Verbier gr.st. Bernhard XAlpine und schließlich den abgebrochenen AlpenX 100.

Da ich eher spät im Jahr mit den Wettkämpfen beginnen konnte, kam meine Form gerade richtig für den TDG. Meiner Meinung nach unterscheidet sich das Training auf einen 160 Km Lauf nicht im Wesentlichen im Vergleich zum TDG. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es eine reine Kopfsache.

Die Vorbereitung besteht nebst intensivem gezielten Training aus einer mehrjährigen Erfahrung auf langen 100Km Rennen oder noch längeren Ultras, bei denen man auch nachts im alpinen Gelände unterwegs ist. Dabei lernte ich die Kräfte einzuteilen und mich in der Bergwelt (auch bei schlechten Wetterbedingungen wie Regen, Gewitter, Schnee, Kälte etc.) zurecht zu finden.

Was packt man bei so einem äsMonsterlaufa – alles ein?

Die Pflichtausrüstung unterscheidet sich nicht besonders vom UTMB.

Ausser den Steigeisen, welche dieses Jahr beim TDG das erste Mal Pflicht waren, ist sie praktisch dieselbe. Bei mir passte alles gerade so in meinen Salomon 12l Rucksack. Wichtig ist, dass man im Dropbag, welches vom Veranstalter an die 6 grossen Verpflegungsposten mittransportiert wird, viele Wechselkleider für alle möglichen Wetterbedingungen (Ersatz Regenkleider,Ersatzhandschuhe Pellerine usw.) eingepackt hat.

Wie ist der Unterschied zu einem normalen Ultra-Trail von etwa 80 Kilometern? Oder auch dem UTMB, der mit über 160 Kilometern ja auch schon eine extreme Herausforderung ist.

Ein wesentlicher Unterschied ist das niedrigere gelaufene Tempo. Das Einteilen der Kräfte, das Umgehen mit der Müdigkeit ist hier noch zentraler und damit verbundene Einteilen der Schlafpausen.

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Erzähl, wie ist es dir unterwegs ergangen? Welche Tiefpunkte, welche Hochs hast du erlebt?

Ich durchlebte viele Hochs und Tiefs! Die Stimmung am Start und wie der TDG im ganzen Aostatal zelebriert wird ist grossartig. Hervorzuheben ist die einzigartig schöne Bergwelt, die mir sehr viel Kraft und Energie gab.

währendden ersten drei Tagen war das Wetter top, tagsüber allerdings fast etwas zu heiss. Vieles davon war sehr einprägend, wie zum Beispiel nach KM 81 der Aufstieg zum Col Loson (mit 3299 m der höchste Punkt des Rennens). Nachdem wir bei dieser Etappe bereits den Col Fenetre mit 2854 m und den Col Entrelor 3002 m erklommen hatten, empfand ich diesen Aufstieg besonders schwer und lang.

Besonders erwähnenswert ist die die schöne Strecke nach Donnas (Km 151), die uns anfangs bei ebenfalls grosser Hitze durch enge Gässchen kleiner dörfer führte, später über staubtrockene Pfade bis hinauf zum Rifugio Coda (Halbzeit der Strecke).

Intensiv waren die Momente in der a – fasta – Vollmondnacht auf den einsamen Bergpfaden und Pässen. Noch nie fühlte ich mich der Natur näher, das Gefühl der Freiheit und Glücks war zu diesem Zeitpunkt grenzenlos! Die Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft der HelferInnen auf der Strecke, vor allem in den kleineren Hütten war enorm! Das tat in manchen Situationen so gut.

Da war zum Beispiel eine Frau in der kleinen Hütte beim Rifugio Barmasse, die mir unaufgefordert meine müden und schmerzenden Waden massierte und mich physisch und psychisch mit ihrer warmherzigen Art aufbaute, bevor ich mich wieder nach draussen in den strämenden Regen begab.

Oder später erreichte ich das Rifugio Cunäy nach Km 260 klatschnass und völlig übermüdet. Liebenswerte HelferInnen nahmen mich sofort in Empfang und halfen mir, die Regenbekleidung zu trocknen. Sie gaben mir sogar neue Socken mit auf den Weg. Hingegen gab es auch Momente mit großen Krisen. Leider brach das schöne Wetter ab Mittwoch zusammen und am Freitag schneite es sogar auf dem Col Malatra (2936).

Das größte Problem war für mich die Müdigkeit. Ich kämpfte oft dagegen an, beim Laufen nicht einzuschlafen.

Nach Gressoney Km 205 währenddem Aufstieg auf den Col Pinter war die Müdigkeit so gross, dass ich eine Gruppe von drei Tschechen darum bat, gemeinsam mit ihnen bis zur nächsten Hütte gehen zu dürfen.

Einen absoluten Tiefpunkt erlebte ich bei der Etappe nach Valtournenche bei Km 250. Dieses Teilstück bewegte sich Kilometer lang auf einer Höhe von 2000-2700 Höhenmetern. Das Wetter war mies, es regnete, windete und war eisig kalt. Ich bewegte mich alleine durch die (eigentlich) wunderschöne Bergwelt, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wahrnehmen konnte.

Besonders nach jeweils 1 bis 2 Stunden Schlaf in einer warmen Hütte war die überwindung gross, die geschwollenen und schmerzenden Füsse wieder in die nassen Schuhe zu zwängen und in die kalte Nacht hinauszugehen. Einmal in die Gänge gekommen, lief es wieder fast wie von selbst.

Schlimm empfand ich das Durchwühlen meiner vollgestopften Tasche bei den grossen Verpflegungsstationen. Alleine der Anblick der Tasche trieb mich an den Rand der Verzweiflung. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass man ohne Assistenten am TDG manchmal überfordert ist und unnötig Zeit verliert.

Wie hast du dich versorgt? Was isst man bei so einem Rennen?

Der TDG ist super organisiert. Die Verpflegungsposten sind reichlich ausgestattet. Davon gibt es sechs grosse und dazwischen zahlreiche kleinere. Es gab eine grosse Auswahl an Essen wie Pasta, Suppen, Polenta, Kartoffeln, Reis, Käse, Brot, Wurst, Obst und Kuchen etc. Ich versuchte mich möglichst ausgewogen zu ernähren, Gels und Riegel waren eher die Ausnahme. Ich trank viel Wasser, Cola und Tee; Espresso um wach zu bleiben. Ich hatte zum Glück nie irgendwelche Magenprobleme.

Wie viel hast du geschlafen?

In den sechs Tagen schlief ich ungefähr 10 einhalb Stunden.

In den grossen Stationen durfte innerhalb der Cut Off Zeiten so lange geschlafen werden, wie man wollte. In den zahlreichen kleinen Stationen und Hütten war maximal 2 Stunden Aufenthalt gestattet. Da es in den kleineren Hütten ruhiger war, zog ich es vor dort zu schlafen.

Den ersten Tag und die erste Nacht lief ich durch, danach schlief ich nicht mehr als ein bis – wei Stunden am Stück.

Wie kann man sich als Außenstehender vorstellen, was man nach ca. 200 Kilometern fühlt?

Nach 200 Km wurde die Müdigkeit immer mehr zu einem Problem. Hinzu kam, dass bereits früh im Rennen meine Atemwege zunehmends gereizt reagierten, auch meine Nase ging immer mehr zu. Viele Läufer hatten ähnliche Beschwerden. Die Beine und Füsse waren aufgeschwollen, die Muskeln beim runterlaufen zwickten, die Kräfte liessen immer mehr nach. Trotzdem war ich aufs Neue erstaunt darüber, wie sich der Körper in den kurzen Schlafpausen regenerieren konnte.

Nach 200Km hatte ich mehr als die Hälfte hinter mir, was mich mental unglaublich motivierte. Ich war stets bemüht in Etappen zu denken und von einem VP zum anderen zu gehen. Gedanken wie a – noch 130Kma – schob ich sofort zur Seite und versuchte positiv zu denken.

Wann warst du dir sicher, dass du es schaffst?

währenddem ganzen TDG gab es für mich nie die Option aufzugeben.

Jede Faser meines Körpers wollte dieses Ding zu Ende laufen.

Mein Ziel war es den TDG in der vorgegebenen Zeit zu finishen. Ich hatte keine Ambitionen möglichst schnell zu sein. Bei Größeren Krisen nahm ich mir bei den VPs etwas mehr Zeit, bis es wieder besser ging. Ich war mit der Zeit gut drin und hatte keinen Stress. Schliesslich bei der letzten grossen VP in Ollomont km 287 war ich mir sicher, dass (wenn nicht noch etwas schlimmeres dazwischen kommt wie ein Sturz etc.) ich das Ziel erreichen werde.

Was hast du auf der Strecke noch so erlebt, was wird dir immer in Erinnerung bleiben?

Wie bereits oben erwähnt werden sich die schönen Berglandschaften des Aostatals für immer in meinem Gedächtnis einprägen. Die enorme Menschlichkeit der Helfer auf der Strecke, der Moment des Zieleinlaufs, sich bewusst werden etwas unglaublich Grosses geschafft zu haben, mein Mann der mich im Ziel erwartete – ..Die Emotionen sind auch jetzt noch gross!

würdest du so eine Unternehmung noch einmal starten?

Im Moment nicht. Vielleicht nächstes Jahr? 😉