Habt ihr schon einmal von der Theorie gehört, dass man 10.000 Stunden üben muss, trainieren muss, bis man etwas so richtig gut kann? Das ist eine ganze Menge. Würde man im Jahr 500 Stunden laufen – das sind in der Woche fast 10 Stunden – würde es noch immer 10 Jahre dauern, um ein guter Läufer zu sein.

Ultralaufen – Eine Frage der Geduld

Um ein guter und schneller Läufer zu sein, braucht es sicher nicht 10 Jahre, aber wenn es um lange Distanzen geht und damit Ultraläufe, dann ist an dieser Theorie sehr viel sehr richtig.
Das Angebot der Ultratrails wird gefühlt unüberschaubar, mehr und mehr Läufer wollen hier mit dabei sein und diese Heldengeschichten nicht nur lesen, sondern selbst erleben.

Wenn mir jemand davon erzählt, unbedingt einen Ultra laufen zu wollen, dann ist meine erste Antwort meistens: Ja lässig, und wie lange läufst du schon?

Sehr oft sind das nur wenige Jahre, vielleicht zwei oder drei. Auf den Halbmarathon folgt ein Marathon, ein Trail über 30 oder 40 Kilometer und dann schon der Ultra über 60, 70 und mehr Kilometer. Es ist nicht meine Aufgabe, belehrend zu sein, aber man kann in der Regel zusehen, was nach der anfänglichen Übermütigkeit oder Übermotivation folgt: Verletzungen. Probleme mit den Achillessehnen, Fersenentzündungen, Schienbeinprobleme, etc. – bis hin zum Ermüdungsbruch.
Vom technischen Anspruch eines Rennens und den Fertigkeiten, die man am Berg haben sollte, ganz zu schweigen.

Eine persönliche Geschichte

Ich bin nun 33 Jahre alt. Seit ca. 25 Jahren betreibe ich regelmäßig Sport, mitunter war ich im Leichtathletikverein. Laufschule bzw. Lauf-ABC war übrigens das Wichtigste zu Beginn eines Trainings. Hätte ich damals jemandem gesagt, ich würde in zwei oder drei Jahren einen Ultra laufen – es hätten vermutlich alle Trainer und Freunde einen Lachkrampf bekommen. Mit 16 lief ich den ersten Halbmarathon, danach folgten einige Jahre am Mountainbike. Ich hatte große Ziele, ich wollte vorne dabei sein, schnell sein. Das klappte aber nicht und ich war nicht selten enttäuscht. Zu meinem großen Glück hatte ich einen sehr intelligenten Trainer. Er sagte mir immer wieder:


„Ich kann dich so trainieren, dass du langfristig bei Rennen mit dabei bist oder aber du gewinnst gleich ein Rennen, bist in ein oder zwei Jahren verheizt und weg vom Fenster.“

… was mein damaliger Trainer gerne zu mir sagte, wenn die Ungeduld groß wurde

Das war schwer zu akzeptieren, ich habe ihm aber trotzdem vertraut, denn verheizen wollte ich mich nicht, dafür bedeutete mir der Sport schon immer viel zu viel. Ich trainierte also zielgerichtet weiter – langsam, aber beständig.

Enttäuschungen

Einige Jahre später hatte ich nicht so viel Glück und kam in ein Team und zu einem Trainer, der keine Rücksicht auf mich nahm. Ich musste mit den ‚schnellen Jungs‘, die um ein Vielfaches besser waren, trainieren und mithalten. Jedes Training war ein Wettkampf. Ich fand mich plötzlich am Start eines Weltcup Rennens wieder, war völlig fehl am Platz. Der technische Anspruch, die Intensität – alles zuviel. Dem machte ich nach einigen Monaten ein Ende, der Spaß war ebenso wie die Fitness verloren gegangen.

Der erste Versuch auf der Langdistanz – Aufgabe nach 100 Kilometern

Bei meinem ersten Versuch, eine Mountainbike Langdistanz über 120 Kilometer zu finishen, musste ich nach 100 Kilometern aufgeben. Ein letzter Berg mit 400 Höhenmetern stand dem erfolgreichen Finish im Wege. Ich konnte aber nicht mehr geradeaus fahren, war unterzuckert und dehydriert. Der Besenwagen nahm mich mit zurück in den Startort, ich saß enttäuscht im Auto, die Tränen liefen mir übers Gesicht. Der Fahrer aus Südtirol fragte mich nach meinem Alter, ich war damals 22. Er musste herzlich lachen und ich werde seine – zugegeben weisen –  Worte nie vergessen:

„Es ist viel schwerer, aufzugeben als weiterzumachen. Du bist noch so jung, du wirst noch tolle Rennen finishen, aber lass dir Zeit. Ausdauersport braucht Zeit.“

So der Mann im Besenwagen

Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich wäre bereit für lange Distanzen. Immerhin betrieb ich schon eine gefühlte Ewigkeit Sport. Aber immer noch zu wenig. Im Nachhinein gesehen ist natürlich völlig klar, dass ich damals viel zu wenig gegessen und getrunken hatte. Aber ich hatte eben keine Erfahrung.

Nach fast 20 Jahren

Nach fast 20 Jahren gezieltem Trainingsaufbau und vermutlich nicht 10.000, sondern 20.000 Trainingsstunden, etlichen Kilometern, unzähligen Stunden Stabilitätstraining und Alternativsport laufe ich nun Distanzen von 100 Kilometern und mehr. Ich wage zu behaupten, dass ich bei fast allen Rennen finishe. Mein Körper, Sehnen, Gelenke und natürlich auch ‚mein Kopf‘ sind trainiert. Probleme gibt es fast immer, aber diese lassen sich lösen. Am Trainingsaufbau und der Erfahrung scheitert es zumindest nicht mehr – auch wenn ich in einigen Jahren sicher auf einen noch viel größeren Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.

Laufen ist toll. Ich liebe es. Der Körper ist aber keine Maschine. Trailrunning ist ein Abenteuer. Lass dir Zeit, lass dich nicht von Freunden beeinflussen und hör auf deinen Körper. Der Sport ist viel zu schön, um zu früh auszubrennen und verletzt auf der Couch zu liegen anstatt die Trails zu genießen!

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Viele Tipps und Trainingsinfos gibt es auch regelmäßig im Trailrunning Szene Magazin. Ich freue mich von dir zu hören und wünsche dir außerdem ein schönes Wochenende!

Sigrid Huber
– Chefredakteurin/Herausgeberin Trailrunning Szene
– Ultraläuferin (Transalpine Run, Ironman, Zugspitz Ultra, Großglockner Ultra und viele mehr)
– Ernährungsberaterin für Naturheilkunde in Ausbildung